Zahnunfälle
Die Behandlung von Zahnunfällen, insbesondere von Folgen und Spätfolgen ist ein besonderer Schwerpunkt der Praxis und gleichzeitig Herzensangelegenheit. Jedes 3. Kind erleidet einen Zahnunfall bis zum Erreichen des 18. Lebensjahres. Was vielen zu diesem Zeitpunkt des Unfalls nicht klar ist: Viele Schäden heilen nicht aus und bedürfen einer lebenslangen Nachsorge. Der Verlust eines bleibenden Frontzahnes im Kindes- und Jugendalter ist dramatisch, weil sich Zähne in diesem Alter nicht wie bei Erwachsenen ersetzen lassen (Implantate, Brücke).
Das liegt an der besonderen Situation des noch nicht abgeschlossenen Wachstums sowohl der Zähne als auch des Kiefers. Ziel ist es daher, durch Unfall geschädigte Zähne so lange als möglich zu erhalten, auch in prognostisch schwierigen Fällen.
Die erweiterten Therapiemöglichkeiten der modernen Zahnheilkunde machen das häufig möglich. Im Folgenden sehen Sie einige Patientenbeispiele solcher Grenzfälle aus unserer Praxis.
Außerdem finden Sie hier Informationen zu Versicherungen und Kostenträgern sowie weiterführende Links.
Fall 1: Apexifikation

Bei einem zunächst relativ harmlos aussehenden Unfall im Klassenzimmer ist Laura (Name geändert) mit ihrem Frontzahn auf die Schulbank gefallen und hat sich eine Ecke abgebrochen. Nach der Reparatur mit einer Kunststofffüllung kam es aber in der Folgezeit zu Schmerzen und einer Schwellung. Da Lauras Zahn noch nicht „ausgewachsen“ war, war eine normale Wurzelkanalbehandlung nicht möglich. Ihre Schmerzen kamen also immer wieder. Letztendlich wurde ihr Unfallzahn einfach offen gelassen über mehrere Monate. Erst ein „Hüftschnupfen“, für den man eine Entzündungsquelle verantwortlich machte, zwang zu einer endgültigen Therapie dieses Zahnes.

Was war passiert:
In jedem Zahn ist ein Hohlraum, angefüllt mit Gewebe (Pulpa). Durch das Abbrechen eines Zahnstückes sind Keime in die Pulpa gelangt und haben das Gewebe zerstört und entzündeten zusätzlich den Knochen im Bereich der Wurzelspitze (Gangrän, Bild 2). Durch das Verschließen dieses infizierten Hohlraumes wurde die Entzündung befeuert.

Blick durch das Mikroskop:
Der Zahn wurde durch Kofferdam (blaues Gummituch) isoliert und desinfiziert und die Füllungsreste entfernt. Der Wurzelkanal wurde gereinigt bis zur Wurzelspitze.

Der Wurzelkanal wurde mit einem gewebeverträglichen Zement (MTA) nach unten hin verschlossen unter mikroskopischer Kontrolle.

Dann wird der Kanal mit Wurzelfüllmaterial randschlüssig und ohne Hohlräume gefüllt.
Bild rechts: Röntgenkontrolle

Grün: gewebeverträgliches MTA
rosa: Wurzelfüllung (Guttapercha)

Bild links: Rekonstruktion des Zahnes mit einer neuen Kunststofffüllung. Die Behandlung wurde in diesem Fall in Narkose im Team durchgeführt (Apexifikation Dr. Schaller, Füllung: Dr. Emmert-Felix) wegen der großen Zahnarztangst.
Bild rechts: Die Wurzelfüllung (rosa) wurde keimdicht abgedeckt mit einem dünnfließenden Kunststoff (hellblau) und die Zahnkrone mit Komposit (dunkelblau) mehrschichtig aufgebaut. Nun kann auch die Entzündung im Knochen abheilen.
Warum haben Lauras Zahnärzte nicht einfach eine Wurzelkanalbehandlung gemacht? Die Antwort darauf zeigen die nächsten Grafiken:

Die Grafiken zeigen, wie ein Zahn wächst. Wenn die Zahnkrone im Mund durchbricht, verändert sie sich nicht mehr. Das Zahnwachstum passiert quasi unsichtbar im Knochen: Die Wurzel wächst und verdickt sich dabei. Erst ganz zum Schluss schließt sich der Wurzelkanal fast vollständig. Aber genau diese Verengung benötigt man für eine normale Wurzelkanalbehandlung.
Bild 1: etwa 6-jähriger Zahn kurz nach dem Zahndurchbruch. Eine Wurzelkanalbehandlung und eine Apexifkation sind nicht möglich. Der Nerv muss möglichst erhalten werden (Fall 2).
Bild 2: Zahn mit etwa 9 Jahren. Der Wurzelkanal (sog. Foramen) ist unten noch offen. Eine Wurzelkanalbehandlung ist noch nicht möglich, nur eine Apexifikation (siehe Fall 1).
Bild 3: Zahn mit etwa 40 Jahren. Eine normale Wurzelkanalbehandlung wäre problemlos.
Bild 4: Zahn mit etwa 70 Jahren oder auch nach einem Zahnunfall. Der Wurzelkanal ist ganz eng. Eine Wurzelkanalbehandlung wäre schwierig, aber mit Mikroskop möglich.
Fall 2: Tiefe Kronenfraktur eines unreifen Zahnes

Wenige Stunden nach dem Unfall: Bei den mittleren Schneidezähnen ist jeweils ein Stück abgebrochen. Der linke kleine Schneidezahn (vom Patienten aus gesehen) ist auf Höhe des Zahnfleisches gebrochen. Der Nerv wurde dabei eröffnet und wurde von der Hauszahnärztin abgedeckt, bevor der Patient weiter zu uns überwiesen wurde.
Am Röntgenbild sieht man, dass der Zahn noch in einem sehr frühen Entwicklungs-stadium ist (siehe Fall 1).

Grafische Darstellung der noch unreifen Wurzel und des eröffneten Zahnnerven.

Nach der Entfernung der provisorischen Füllung zeigt sich der verletzte, blutende Zahnnerv (sog. Pulpa). Das Überleben dieses Nerven ist wichtig für ein weiteres Wachstum des Zahnes.

Um die verletzte Pulpa keimarm versorgen zu können, wurde etwas Zahnfleisch neben dem Zahn entfernt und kleine Hilfsfüllungen angebracht. Dadurch ist das Arbeiten unter Kofferdam (blaues Gummituch am Foto) möglich.

Die Pulpa kann nun nach Abtragen des infizierten Gewebes steril abgedeckt werden mit einem gewebeverträglichen Material (grün: Biodentin). Dieses wird nochmal mit Kunststoff (blau) abgedeckt. Die Hilfsfüllungen werden wieder entfernt. Wichtig ist der absolut dichte Abschluss der Pulpa.

Am Unfalltag

nach 1 Jahr

Nach Rekonstruktion der Zahnkrone mit Kunststoff
Fall 3: Kronen-Wurzel-Fraktur

Bei einem Jugendlichen kam es durch ein Gewaltdelikt (Fusstritte) zum Abbrechen von 2 Zähnen unter dem Zahnfleischniveau.

Grafikschema der Situation.

Präendodontischer Aufbau: der Zahn wird mit Kunststoff so aufgebaut, dass eine Wurzelkanalbehandlung unter Kofferdam (blaues Tuch auf Foto) möglich ist.

Jetzt folgt eine Wurzelkanalbehandlung: Das Zahninnere, der Wurzelkanal wird gereinigt, desinfiziert und im unteren Anteil gefüllt.

Im oberen Anteil des Wurzelkanals wird ein Glasfaserstift eingeklebt. Der Zahn wird nun mit Kunststoff rekonstruiert.

Kieferorthopädische Extrusion: Der Kieferorthopäde (Dr. Christian Weinzirl) bewegt den geschädigten Zahn in 4 Wochen aus dem Knochen heraus. Jetzt ist genügend natürliche Zahnsubstanz oberhalb des Zahnfleisches. Das ist wichtig für die Stabilität, weil die Hebelkräfte und Belastung auf die neue Zahnkrone reduziert werden.

Die beiden abgebrochenen Zähne wurden nun mit jeweils einer Krone versorgt. Der in der Grafik dunkelgrau dargestellte Knochen unter dem überkronten Zahn ist neugebildeter Knochen. Am Röntgenbild ist dann zu erkennen, dass die beiden eigentlich symmetrischen Frontzähne jetzt unterschiedlich lange Wurzeln haben.
Fall 4: Chirurgische Extrusion

Bei einem 8-jährigen Mädchen sind beiden zentralen Schneidezähne nach einem Fahrradsturz geschädigt. Besonders der linke Schneidezahn (aus Patientensicht) ist vielfach gesplittert.

Das Ausmaß des Schadens am linken oberen Schneidezahn ist so groß, dass sich dieser Zahn normalerweise nicht rekonstruieren lässt, weil die Bruchlinie am Gaumen weit unter dem Zahnfleisch verläuft.

Der Zahn wurde zunächst entfernt und auf weitere Bruchlinien in der Wurzel untersucht. Der Zahnnerv wurde entfernt und ein Medikament eingelegt (grau), welches mit Teflonband abgedeckt wurde.

In der neuen Position schaut nun die Zahnrückseite nach vorne. Die verbliebene Zahnstruktur ist nun restaurierbar, weil sie deutlich über dem Zahnfleischniveau liegt.

In dieser Position wird nun eine neue Zahnkrone aus Kunststoff modelliert.

Der Zahn wir mit einer TTS-Traumaschiene (Fa. Medartis) in der neuen Position fixiert.

Nach 14 Tagen wird die Schiene entfernt. Es folgt eine Apexifikation (siehe Fall 1), weil das Wurzelwachstum noch nicht abgeschlossen ist. Die Fotos zeigen den Blick in den Zahn: links Blick auf das MTA als untesten Verschluss, rechts auf die Guttapercha).

Die Grafik zeigt die unterschiedlichen Schichten der Wurzelfüllung:
grün: MTA
rosa: Guttapercha
grau: Glasfaserstift mit Kunststofff
blau: Komposit
Am Röntgenbild links sind diese Schichten ebenfalls erkennbar. Der Knochen hat sich um die Wurzel neu gebildet. Im direkten Vergleich mit dem symmetrischen Nachbarzahn ist der Unfallzahn nun deutlich kürzer.

In Form und Breite wird der Unfallzahn dem Nachbarzahn mit Kunststoff angepasst.
Versicherungen / Kostenträger / Unfallversicherungen
Die Kommunikation mit Kostenträgern ist speziell bei Zahnunfällen häufig nicht einfach. Die notwendigen Therapiemöglichkeiten (z.B. Apexifikationen, Revitalisieren, intentionelle Replantation) sind zu selten, um in Gebührenordnungen von gesetzlichen Krankenkassen oder auch privaten Krankenkassen aufgenommen zu werden. Sogar die speziellen Unfallversicherungen, die beispielsweise bei Zahnunfällen in der Schule greifen, haben keinen unfallspezifischen Gebührenkatalog.
Der beste Weg ist meistens, die Sachbearbeiter der Versicherungen zu informieren über geplante Therapiemaßnahmen und das Prozedere genau aufzuklären. Das erklärt, weshalb nicht über einen üblichen Gebührenkatalog abgerechnet werden kann. Nicht vorhandene Gebührenpositionen werden über sog. Analogpositionen abgerechnet. Die Erstattung dieser Positionen sind dann im allgemeinen Individualentscheidungen einer Versicherung.
Bei anhaltenden Diskussionen kann um alternative Therapievorschläge auf Basis des jeweiligen Gebührenkataloges gebeten werden. Da es solche häufig nicht gibt, erhöht das die Bereitschaft für eine teilweise Kostenübernahme.
Wir stellen daher unseren Patienten Informationsblätter zur Verfügung, die mit den Kostenvoranschlägen eingereicht werden können. Darauf wird beispielsweise eine Apexifikation erklärt und der Unterschied zu einer „normalen“ Wurzelkanalbehandlung.
Zudem wird jede Traumabehandlung (Fotos, Röntgenbilder, klinische Dokumentation) exakt dokumentiert, um auch ev. Gutachtern volle Transparenz zu ermöglichen.
Leider ist das derzeitige Prozedere für alle Beteiligten nicht zufriedenstellend, auch wenn ein positiver Trend zu Veränderung hier erkennbar ist.
Weiterführende Informationen / Links
https://dentaltraumaguide.org/
Weltweit größte Datenbank zu Traumfällen und Therapie. Die Homepage ist englisch, spanisch und portugisisch. Leider ist der volle Zugang zur Information inzwischen kostenpflichtig.
https://www.dget.de/fuer-zahnaerzte/wissenschaftliche-mitteilungen
Wichtige Downloadsammlung für aktuelle Therapieempfehlungen, Befundbögen und Patienteninformation. Für eine schnelle Orientierung zu Fragen rund um die Primärversorgung ist besonders der Artikel von Prof. Krastl, Prof. Filippi und Prof. Weiger (Empfehlung Primärversorgung Trauma 2019) sehr empfehlenswert.
https://toothrescueconcept.info/ (Zahnunfall24)
Ein Guide zum Suchen nach dem nächsten Standort für eine Zahnrettungsbox.
Eine gute Kurzanleitung im Falle eines Unfalls
Bestellung von Zahnunfallpässen und Informationsmaterial
https://www.iadt-dentaltrauma.org/
Englischsprachige Homepage der größten internationalen Gesellschaft für Zahnunfälle (IADT, International Association of Dental Traumatology). Man findet hier auch die aktuellen Richtlinien zur Traumatherapie und die Übersetzung in andere Sprachen (leider bisher noch nicht in Deutsch). Die Artikel können heruntergeladen werden. Dazu gibt es Buchempfehlungen für Zahnärzte.
Dr. Claudia Schaller
Zahnärztin | Endodontie
Pödeldorfer Str. 142
96052 Bamberg
Kontakt
Telefon: 0951 – 91 70 88 55
WhatsApp: 0152 – 59 46 95 19
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